Taidō (躰道, wörtlich „Der Weg des Körpers“) wurde im Jahr 1965 von dem japanischen Kampfkunstmeister Seiken Shukumine (1925–2001) gegründet. Die Entstehung dieser Kampfkunst ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein Meister traditionelle Systeme aufbrach, um sie an eine dreidimensionale Kampfrealität anzupassen.
Hier ist die Geschichte, wie und warum Taidō entstanden ist:
Von traditionellem Karate zu Genseiryū
Seiken Shukumine war ursprünglich ein hochdekorierter und extrem talentierter Karateka. Er trainierte auf Okinawa unter namhaften Meistern (wie Sadoyama und Kishimoto) und war tief in den traditionellen Stilen verwurzelt. In den 1950er Jahren gründete er aus seinen Erfahrungen heraus den Karate-Stil Genseiryū, der bereits durch sehr tiefe Stände und dynamische Bewegungen auffiel.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde Shukumine für die „Kaiten“-Einheiten (bemannte Torpedos bzw. Kleinst-U-Boote) der japanischen Marine ausgebildet. Die intensive Auseinandersetzung mit Taktik, Manövrierfähigkeit auf engstem Raum und das Überleben in einer dreidimensionalen Umgebung prägten sein späteres physikalisches Verständnis von Bewegung maßgeblich.
Der Bruch: Warum Shukumine Taidō erschuf
Trotz des Erfolgs seines Genseiryū-Karate kam Shukumine Anfang der 1960er Jahre zu dem Schluss, dass das traditionelle Karate in seiner Entwicklung stagnierte. Ihn störten vor allem zwei Dinge:
- Zweidimensionalität: Traditionelles Karate (wie auch Shotokan) agiert oft sehr linear – vor und zurück, links und rechts.
- Starre Blocktechniken: Shukumine empfand es als ineffizient, die Wucht eines Angriffs mit einem harten Block direkt aufzunehmen.
Er wollte ein System, bei dem man einem Angriff nicht nur ausweicht, sondern durch die Ausweichbewegung selbst die kinetische Energie und den Winkel für einen simultanen Gegenangriff erschafft. Das Ergebnis dieser Überlegungen präsentierte er 1965 als Taidō.
Die Mechanik des Taidō: Die 5 Prinzipien (Hōi)
Um die starre Linearität zu durchbrechen, integrierte Shukumine Elemente, die eher an Gymnastik oder Akrobatik erinnern, und definierte fünf grundlegende Bewegungsarten, durch die der Körperwinkel im Raum manipuliert wird:
- Sen (Wirbeln/Kreisbewegung): Drehungen um die eigene vertikale Achse (wie ein Kreisel), um Angriffe abzuleiten und Fliehkraft für Schläge oder Tritte aufzubauen.
- Un (Wellenbewegung): Starke Auf- und Abbewegungen (wie Sprünge oder abruptes, tiefes Abtauchen), um den Gegner auf einer anderen Höhe zu erwischen.
- Hen (Ausweichen/Fallen): Schnelle Schwerpunktverlagerungen, bei denen man sich oft regelrecht fallen lässt, um unter einem Angriff hindurchzutauchen und aus der Bodenlage anzugreifen.
- Nen (Schrauben): Komplexes Verwinden und Schrauben des Torsos am Platz.
- Ten (Rollen/Akrobatik): Radschläge, Rollen und Salti, um Distanzen völlig unvorhersehbar zu überbrücken und aus der Luft oder der Rotation heraus zu treffen.
Taidō entstand also aus dem Drang, die klassischen Kampfkünste in die dritte Dimension zu heben. Anstatt Schläge auszutauschen, zielt Taidō darauf ab, die eigene Körperachse (Taijiku) kontinuierlich zu verändern, sodass der Gegner immer ins Leere greift, während man selbst aus einem unerwarteten Winkel (von oben, aus der Drehung oder vom Boden) zuschlägt.