Taekwondo (태권도) ist eine der bekanntesten Kampfsportarten der Welt, doch seine Geschichte ist eine faszinierende Mischung aus jahrhundertealten koreanischen Traditionen, japanischen Einflüssen und gezielter Moderner Staatspolitik im 20. Jahrhundert.
Der Name setzt sich aus drei Begriffen zusammen:
- Tae (태): Fuß (treten, zerschmettern mit dem Fuß)
- Kwon (권): Faust (schlagen, stoßen mit der Hand)
- Do (도): Weg (der geistige und philosophische Pfad/Lehrweg)
1. Die historischen Wurzeln (Vorgeschichte)
Auch wenn das moderne Taekwondo ein Produkt des 20. Jahrhunderts ist, greift es auf traditionelle koreanische Kampfküste zurück:
- Subak & Taekkyon: Schon während der Zeit der Drei Reiche Koreas (Goguryeo, Baekje, Silla – ca. 57 v. Chr. bis 668 n. Chr.) gab es waffenlose Kampfsysteme. Die Hwarang (eine Elite-Kriegerkaste im Königreich Silla) kultivierten physische Abhärtung, Ethik und Fußkampf.
- Taekkyon zeichnete sich besonders durch flüssige, tanzähnliche Bewegungen und kraftvolle, hohe Fußtritte aus und gilt als einer der wichtigsten geistigen Ahnen des Taekwondo.
2. Die Wendepunkt: Japanische Besatzung (1910–1945)
Während der japanischen Besatzung Koreas wurden traditionelle koreanische Kampfkünste verboten. Viele Koreaner studierten in dieser Zeit jedoch japanische Kampfsysteme (vor allem Shotokan Karate) oder chinesische Stile (Gungfu).
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung Koreas 1945 kehrten diese Meister zurück und eröffneten in Seoul und Umgebung verschiedene Kampfsportschulen, die sogenannten Kwans (z. B. Chung Do Kwan, Song Moo Kwan, Moo Duk Kwan). Ihr Unterricht war stark vom Karate geprägt, integrierte aber schrittweise wieder die dynamischen Fußtechniken des Taekkyon.
3. Die Geburt und Einigung (1950er & 1960er Jahre)
Um die verstreuten Kwans zu einigen und eine nationale Kampfsportart zu etablieren, formierte sich in den 1950er Jahren eine Bewegung zur Vereinheitlichung.
- General Choi Hong-hi: Er gilt als die Schlüsselperson in der Namensfindung. Am 11. April 1955 schlug er den Namen Taekwondo vor, der offiziell akzeptiert wurde. Der Name verband die traditionelle Symbolik mit der Betonung der charakteristischen Fußtechniken.
- 1965: Gründung der ITF (International Taekwon-Do Federation) durch Choi Hong-hi, um den Sport weltweit zu verbreiten.
4. Die Spaltung: ITF vs. WTF (Kukkiwon)
Durch politische Konflikte zwischen Choi Hong-hi und der südkoreanischen Regierung spaltete sich die Taekwondo-Welt in zwei Hauptströmungen:
| Merkmal | ITF (International Taekwon-Do Federation) | WTF / World Taekwondo (Kukkiwon) |
|---|---|---|
| Gründung / Basis | 1966 durch Gen. Choi Hong-hi | 1973 (Kukkiwon als Weltzentrale seit 1972) |
| Ausrichtung | Traditioneller, selbstverteidigungsorientiert, „Wave Technique“ | Stark olympisch/sportlich orientiert |
| Wettkampfstil | Leichtkontakt, Hände und Füße treffen zum Kopf/Körper | Vollkontakt mit Westen (Hogu), starker Fokus auf Kicks |
5. Der Weg zur olympischen Disziplin
Südkorea trieb die weltweite Verbreitung des WTF-Stils massiv voran:
- 1988 & 1992: Taekwondo war Demonstrationssportart bei den Olympischen Spielen in Seoul und Barcelona.
- Seit 2000 (Sydney): Taekwondo ist offizielle olympische Vollsportart.
Zusammenfassung: Taekwondo ist historisch gesehen eine relativ junge Kampfkunst. Es verbindet die jahrhundertealte koreanische Fußkampf-Tradition (wie Taekkyon) mit der harten Technikstruktur des japanischen Karate und hat sich im 20. Jahrhundert zu einem globalen, hochentwickelten Kampfsport entwickelt.