Die Entstehung des Shorinji Kempo (少林寺拳法) ist eng verknüpft mit den Nachkriegswirren Japans und der Lebensgeschichte seines Begründers Doshin So (宗 道臣, geb. Nakano Michiomi, 1911–1980).
Es wurde 1947 in der Küstenstadt Tadotsu auf der japanischen Insel Shikoku ins Leben gerufen – nicht primär als reiner Kampfsport, sondern als ganzheitliches System zur Charakterbildung, Selbstverteidigung und körperlich-geistigen Entwicklung.
1. Der historische Hintergrund & Die Wurzeln in China
Vor und während des Zweiten Weltkriegs verbrachte Doshin So viele Jahre in der Mandschurei (China). Dort erlernte er unter verschiedenen Meistern diverse Stile der traditionellen chinesischen Kampfkünste (Quānfǎ / Kempo), unter anderem Varianten des Shaolin-Kung-Fu.
Gegen Ende des Krieges erlebte er 1945 in der Mandschurei die russische Invasion und den Zusammenbruch der Ordnung. Er sah hautnah, wie Moral und menschliche Werte unter dem Druck von Gewalt und Chaos zerbrachen. Daraus zog er eine fundamentale Erkenntnis:
„Es hängt alles von der Qualität des Menschen ab.“ (Hito, hito, hito, subete wa hito no shitsu ni aru) Nicht politische Ideologien oder Gesetze bestimmen die Zukunft, sondern der Charakter, den der Einzelne besitzt.
2. Die Rückkehr nach Japan und die Gründung (1946–1947)
Im Sommer 1946 kehrte Doshin So in ein zerstörtes, demoralisiertes Japan zurück. Die Jugend hatte jegliche Perspektive verloren, Kriminalität und Ausbeutung prägten das Straßenbild vieler Städte.
Um der Jugend wieder Selbstbewusstsein, Disziplin und einen Sinn für Gerechtigkeit zu vermitteln, beschloss er, eine neue Ausbildungsmethode zu schaffen:
- Synthese der Techniken: Er ordnete, systematisch überarbeitete und ergänzte die Techniken, die er in China gelernt hatte, und kombinierte sie mit Elementen japanischer Kampfkünste (u. a. Jujutsu-Hebel und Wurfprinzipien).
- Namensgebung: Er nannte das System Shorinji Kempo – die japanische Übertragung von „Shaolin-Tempel-Kampfkunst“ – als Hommage an den Ursprung der Techniken.
- Start im Dojo: Im Oktober 1947 begann er in seinem Wohnhaus in Tadotsu mit dem Unterricht.
3. Philosophie und technische Säulen
Doshin So betbettete das Training in die Philosophie des Kongo Zen ein, einer Form des Zen-Buddhismus. Sein Leitspruch war: „Hälfte für sich selbst, Hälfte für andere“ (Jikaku Kakuo / Riki Taitsu).
Das System ruht technisch auf zwei Hauptsäulen:
- Gohō (Hard Methods): Schläge, Tritte, Blöcke und Ausweichbewegungen.
- Juhō (Soft Methods): Befreiungstechniken, Gelenkhebel, Würfe und Festnahmetechniken.
Das Training erfolgt fast ausschließlich im Partnersystem (Kumite Subject), da Kooperation und gegenseitiger Respekt im Vordergrund stehen.
4. Entwicklung zum weltweiten Verband
Aus der kleinen Gruppe in Tadotsu entwickelte sich schnell eine landesweite Bewegung, die später auch international Fuß fasste. Heute vertritt die WSKO (World Shorinji Kempo Organization) die Disziplin weltweit in über 30 Ländern.
Shorinji Kempo versteht sich bis heute explizit nicht als Wettkampfsport, bei dem es ums Gewinnen geht, sondern als körperlich-geistiges Erziehungssystem zur Schulung von Selbstverteidigung, Gesundheit und Charakter.