ie Entstehung des Jōdō (杖道) beziehungsweise der traditionellen Ursprungskunst Shintō Musō-ryū Jōjutsu (神道夢想流杖術) geht auf den Anfang des 17. Jahrhunderts (frühe Edo-Zeit) in Japan zurück. Sie ist eng mit einer der berühmtesten Duell-Legenden der japanischen Kampfkunstgeschichte verknüpft.
Die Gründungslegende: Musō Gonnosuke vs. Miyamoto Musashi
Der Begründer der Kunst war Musō Gonnosuke Katsukichi (夢想權之助勝吉), ein meisterhafter Samurai, der unter anderem im Tenshin Shōden Katori Shintō-ryū ausgebildet war.
- Das erste Duell: Anfang des 17. Jahrhunderts trat Gonnosuke in einem Duell gegen den wohl legendärsten Schwertkämpfer Japans an: Miyamoto Musashi. Gonnosuke nutzte damals einen Bō (einen etwa 1,80 m langen Holzstab). Musashi besiegte ihn mühelos mit seiner bekannten Doppel-Schwert-Technik (Jūji-dome, dem Kreuzblock), verschonte Gonnosukes Leben jedoch.
- Die Rückzug und Vision: Zutiefst erschüttert über seine Niederlage zog sich Gonnosuke auf den Berg Hōman (in der heutigen Präfektur Fukuoka) zurück, um zu meditieren und an seinen Techniken zu feilen. Der Überlieferung nach hatte er dort eine göttliche Vision (Musō). Ein göttliches Kind erschien ihm mit den Worten:„Kenne die empfindliche Stelle an der Brust mit einem runden Holzstab.“ („Maruki wo motte, suigetsu wo shire“)
- Die Erfindung des Jō: Gonnosuke verkürzte den klassischen Langstab (Bō) auf etwa 1,28 m (4 Shaku, 2 Sun, 1 Bu) mit einem Durchmesser von ca. 2,4 cm. Dieser kürzere, wendigere Stab war der Jō (杖).
- Das zweite Duell: Mit diesem neuen Arbeitsgerät und den neu entwickelten Techniken trat Gonnosuke erneut gegen Musashi an. Es heißt, Gonnosuke sei es als einzigem Kämpfer überhaupt gelungen, Musashi in einem Duell ein Unentschieden abzutrotzen (manche Überlieferungen der Shintō Musō-ryū sprechen gar von einem Sieg, historisch gilt ein unentschiedenes Patt als wahrscheinlich).
Historische Entwicklung des Systemats
- Entstehung der Shintō Musō-ryū
ca. 1605–1614
Gonnosuke entwickelt das System der Shintō Musō-ryū. Er kombiniert dabei Stoßtechniken des Speers (Yari), Schlagtechniken des Langstabs (Bō) und Schnittbewegungen des Schwerts (Tachi). - Geheimkunst des Kuroda-Klans
1600er–1868
Das Jōjutsu wird zur offiziellen Kampfkunst des mächtigen Kuroda-Klans in Fukuoka. Die Techniken werden über Jahrhunderte als Otome-ryū (geheime Tradition) unter Verschluss gehalten und nicht an Außenstehende unterrichtet. - Öffnung in der Meiji- und Taishō-Ära
Late 19th / Early 20th Century
Nach dem Ende der Samurai-Herrschaft öffnet der 25. Großmeister, Shiraishi Hanjiro, die Schule erstmals für die Öffentlichkeit. - Einführung der modernen Polizeitechniken
1930er–1960er
Shimizu Takaji (25. Headmaster / Nachfolger) bringt das Jōjutsu nach Tokio. Er passt die Techniken für die japanische Polizei an (Taiho-jutsu). Aus dem kriegerischen Jōjutsu entwickelt sich schrittweise das modernere, auf Selbstvervollkommnung ausgerichtete Jōdō.
Das Grundprinzip des Jō
Die Philosophie hinter den Bewegungen des Jōdō unterscheidet sich grundlegend von reinen Schlagwaffen. Der Stab hat keine Schneide und keine Spitze, bietet dadurch aber maximale Flexibilität:
- Vielseitigkeit: Ein Jō kann wie ein Schwert schneiden, wie ein Speer stechen und wie ein Bō hebeln oder schlagen. Beide Enden können gleichermaßen genutzt werden.
- Kein Verlangen zu töten: Das klassische Diktum des Jōdō lautet: „Der Jō verletzt nicht, er besiegt den Gegner, ohne ihn zu töten, und zeigt ihm den Weg.“
Heute ist Jōdō Teil der Zennihon Kendō Renmei (Alljapanischer Kendo-Verband). Neben der modernen Standard-Form (Seitei Jōdō mit 12 festgelegten Kata) wird die klassische Tradition (Koryū Shintō Musō-ryū) weltweit in Dojos weitergepflegt.