Die Entstehung des japanischen Jūjutsu (oft Jiu Jitsu oder Ju-Jutsu geschrieben) ist eng mit der Kriegskultur der Samurai und den historischen gesellschaftlichen Umbrüchen Japans verwurzelt.
1. Ursprünge auf dem Schlachtfeld (15. & 16. Jahrhundert)
Während der Sengoku-Periode (Zeit der streitenden Reiche) war das Kämpfen auf dem Schlachtfeld vom Kriegshandwerk geprägt.
- Rüstungskampf (Yoroi Kumiuchi): Wenn ein Samurai im Handgemenge seine Hauptwaffe (Schwert, Speer oder Harke) verlor oder beschädigt wurde, musste er den Gegner im Nahkampf überwältigen.
- Fokus der Techniken: Schläge und Tritte waren gegen eine schwere Holz- oder Metallrüstung weitgehend wirkungslos. Deshalb konzentrierten sich die frühen Techniken auf:
- Würfe und Takedowns
- Gelenkhebel (besonders an Hand-, Schulter- und Ellenbogengelenken)
- Festlegetechniken und der Einsatz von Dolchen (Tantō) in den Rüstungslücken
Eine der ältesten dokumentierten Schulen, die Takenouchi-ryū, wurde um 1532 gegründet und gilt als einer der Meilensteine des systematischen Unbewaffneten- beziehungsweise Kurz-Waffenkampfes.
2. Die Blütezeit in der Edo-Periode (1603–1867)
Unter dem Tokugawa-Shogunat brach eine über 250-jährige Friedensperiode an. Dies veränderte die Ausrichtung des Jūjutsu grundlegend:
- Zivilisierung der Techniken: Da Samurai im Alltag keine schweren Rüstungen mehr trugen, entwickelte sich das System von einer reinen Schlachtfeldkunst zu einer zivilen Selbstverteidigung.
- Erweiterung des Repertoires: Techniken wie Nervenpunktstöße (Atemi-waza), Würgegriffe (Shime-waza) und unbewaffnete Entwaffnungen gewannen stark an Bedeutung.
- Vielfalt der Ryūha (Traditionsschulen): Es entstanden Hunderte verschiedener Stile (z. B. Yoshin-ryū, Tenjin Shin’yō-ryū, Kitō-ryū). Jede Schule wahrte ihre eigenen Geheimtechniken (Kuden).
3. Niedergang in der Meiji-Restauration (ab 1868)
Mit der Modernisierung Japans und der Abschaffung des Samurai-Standes erlitt das traditionelle Jūjutsu einen schweren Rückschlag:
- Verlust des Status: Das Tragen von Schwertern wurde verboten (Haitōrei), und westliche Einflüsse verdrängten viele traditionelle Kampfkünste.
- Existenzkampf der Meister: Viele Schulen lösten sich auf oder überlebten nur durch Vorführungen und Straßenakrobatik.
4. Renaissance und Evolution zu modernen Kampfsportarten
Ende des 19. Jahrhunderts retteten Reformer das Erbe des Jūjutsu, indem sie die effektivsten und sichersten Methoden in neue Systeme integrierten:
- Judo (1882): Jigorō Kanō meisterte mehrere Jūjutsu-Schulen (u. a. Tenjin Shin’yō-ryū und Kitō-ryū) und formte daraus eine moderne, pädagogische Sportart (Kodokan Judo).
- Aikidō: Morihei Ueshiba nutzte das Daitō-ryū Aiki-jūjutsu als Hauptgrundlage für die Entwicklung des Aikidō.
- BJJ & Modernes Ju-Jutsu: Über Auswanderer und weltweite Verbreitung entstanden ab den 1900er-Jahren spezialisierte Systeme wie das Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) sowie spätere europäische und deutsche Anpassungen für den modernen Selbstverteidigungs- und Polizeieinsatz.